Neurochemie

Das von Prof. Dr. Helmut Bauer, dem Ehrenpräsidenten der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, im Jahre 1977 gegründete Labor hat eine mittlerweile 30-jährige Tradition in der Analyse des Liquor cerebrospinalis. Zahlreiche Methoden, die heute in der Liquoranalytik angewandt werden, wurden im Neurochemischen Labor entwickelt oder evaluiert. Die von Prof. Dr. Hansotto Reiber unter Mitarbeit von Prof. Dr. Klaus Felgenhauer entwickelten Quotientendiagramme, um eine Immunglobulin-Synthese im Zentralnervensystem (ZNS) von einer Blut-Liquor Schrankenfunktionsstörung zu differenzieren, sind weltweit in Gebrauch. Derzeit analysiert das Neurochemische Labor weit über 5000 Liquor/Serumprobenpaare pro Jahr und ist damit eines der bedeutendsten Speziallabore für Liquordiagnostik.

Die Liquoranalyse ist eines der grundlegenden diagnostischen Werkzeuge in Neurologie, Psychiatrie und Innerer Medizin. Die Darstellung aller Daten eines Patienten in einem integrierten Befundbericht ergibt z.T. krankheitstypische Befundmuster und leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Differentialdiagnostik neurologischer Erkrankungen. Sie dient dem Nachweis bzw. Ausschluss von Infektionen und autoimmunologisch bedingten Erkrankungen des zentralen Nervensystems, insbesondere der Multiplen Sklerose. Sie gewinnt zunehmend Bedeutung in der Diagnostik neurodegenerativer Erkrankungen (z.B. Demenz, Motoneuron-Erkrankungen). Darüber hinaus ist sie nicht selten notwendig zum Nachweis oder Ausschluss einer intrakraniellen Blutung, insbesondere einer Subarachnoidalblutung mit geringem Blutaustritt. Große Bedeutung hat die Liquoranalytik darüber hinaus bei der Diagnose einer Beteiligung des zentralen Nervensystems bei bösartigen Neubildungen.

Das Team des Neurochemischen Labors besteht aus erfahrenen Mitarbeitern, die sich über Jahre in die besondere Problematik der Liquoranalytik eingearbeitet haben und damit bestens vertraut sind.

Neurologen können im Neurochemischen Labor die zusätzliche Weiterbildung "Labordiagnostik" im Gebiet Neurologie erwerben. Das Labor ist Ausbildungslabor der Deutschen Gesellschaft für Liquordiagnostik und Klinische Neurochemie und veranstaltet jährlich Kurse für den Erwerb des "Fachzertifikats Liquordiagnotik" der Deutschen Gesellschaft für Liquordiagnostik und Klinische Neurochemie e.V. Das Neurochemische Labor stellt einen Teil der Proben für den europaweiten Ringversuch "Liquoranalytik" des Instituts für Standardisierung und Dokumentation im Medizinischen Laboratorium e.V. und ist ein Sollwertlabor für die Zielwerte des Ringversuchs.

Das Neurochemische Labor stellt allen Einsendern nicht nur die Messwerte der Einzelanalysen zur Verfügung, sondern liefert eine Interpretation des gesamten Liquorbefunds. In der Liquoranalytik erfahrene ärztliche Kollegen stehen täglich von 8:00 Uhr bis 16:30 Uhr bereit, Ihre Fragen zur Interpretation von Liquorbefunden zu beantworten.

Sofortprogramm

Notfall- und Routineanalytik für Zellzahl, Laktat und Gesamteiweiß. 

Zytologie

Für Zelldifferenzierungen:

Bereitstellung des Liquor innerhalb von 2 bis 3 Std. nach Entnahme.
Lymphozyten, Monozyten, neutrophile Granulozyten und Plasmazellen - prozentual.
Als "sonstige Zellen" werden berichtet: aktivierte Lymphozyten, aktivierte Monozyten, Makrophagen (Erythrophagen, Haemosiderophagen; Leuko- und Lipophagen).

Im Rahmen der Tumorzytologie:

Tumor-verdächtige Zellen (Differenzierung und Bestätigung in einem Speziallabor). Mitosen.
Zellen des Deckepithels (Ependym- und Plexus-Zellen) oder Knochenmark- und Knorpel-Zellen werden als seltenere Beobachtung ebenfalls berichtet.
Aktivierte B-Lymphozyten werden nur auf spezielle Anforderung.

Proteine

Für Albumin, IgG, IgA und IgM werden Liquor-und Serumprobe im selben Lauf bestimmt. Nur so ist eine hinreichende Präzision zur Auswertung in den Quotientendiagrammen zu erhalten. Blut-Liquor-Schrankenfunktionsstörung: Die Änderung der Blut-Liquor-Schrankenfunktion (Änderung des Liquorflusses) wird altersabhängig ausgewertet - entsprechend der folgenden Formel für den über 15-jährigen Patienten und der Tabelle für Neugeborene, Kinder und Jugendliche bis zu 15 Jahren. Für Ventrikel- und zisternalen Liquor sind die altersabhängigen Referenzbereiche berechenbar wenn der Wert von QAlb für lumbalen Liquor mit 0,65 (zisternal) oder 0,4 (Ventrikel) multipliziert wird.

Referenzwert-Bereiche des Albuminquotienten, QAlb

Bei Kindern
Bei Erwachsenen (>15 Jahre): QAlb = (4 + Alter/15) x 10-3  

Intrathekale Ig-Synthese

Eine intrathekale Fraktion in den Quotientendiagrammen wird im Befundausdruck nur angegeben, wenn die intrathekale Fraktion >10% ist. Die Quotientendiagramme mit hyperbolischen Funktionen nach Reiber (J Neurol Sci 1994;122:189-203) sind geeignet, um Liquores von Kindern ebenso wie Ventrikel- oder zisternalen Liquor auszuwerten. Oligoklonales IgG wird nach folgenden 5 Kriterien (internationaler Konsens) bewertet.

Kein oligoklonales IgG nachweisbar (IEF)
Oligoklonales IgG im Liquor!
Oligoklonales IgG im Liquor! (zusätzlich identische Banden in Liquor und Serum)
Identische oligoklonale Banden in Liquor und Serum.
Monoklonales IgG in Liquor und Serum. Paraprotein.
Wenn QIgG > QAlb ist, führen wir die Bestimmung oligoklonaler Banden nicht durch (sie sind in einem solchen Fall immer positiv). Eine einzelne IgG-Bande bezeichnen wir nicht als oligoklonales IgG, berichten sie aber.
 

Hirnproteine in Liquor und Serum

Für die Differerentialdiagnose degenerativer Erkrankungen werden analysiert:

Tau-Protein, Phospho-Tau und ß-Amyloid, 1-40 und 1-42 als Kombination bei Alzheimer.
Neuronenspezifische Enolase, Tau-Protein und Protein 14-3-3 bei CJD.
Analyse des 14-3-3-Proteins durch die CJD-Forschungsgruppe durchgeführt,
Kontakt Fr. B. Ciesielczyk.
Neuronenspezifische Enolase im Blut wird bei Hypoxien und anderen Prozessen mit schnellem Neuronenuntergang analysiert (serielle Probenabnahme über mehrere Tage).
S-100-Analytik im Blut wird für auswärtige Einsender nicht durchgeführt, da nur bei sehr sorgfältiger Präanalytik falsch hohe Werte vermieden werden können.
ß-Trace-Protein wird zur Analytik von Liquor in anderen Körperflüssigkeiten (Nasensekret, etc.) analysiert. Die zuverlässige Interpretation hängt von der Kenntnis des Serumwertes ab (Anstieg der Serumwerte bei Nierenfunktionsstörungen).
Orexin A (Hypocretin) wird bei V.a. Narkolepsie im Liquor gemessen. 
 

Erregerspezifische Antikörper

Der Antikörper-Index (AI) wird mit Bezug auf den Ig-Quotienten oder bei intrathekaler Ig-Klassenreaktion auf den Grenzwert des Referenzbereiches QLim (Ig) berechnet. AI-Werte >= 1,5 werden als pathologisch bezeichnet, Normalwertebereich AI = 0,7 - 1,3. Für die Zuverlässigkeit der Interpretation wird es bevorzugt, mehr als einen Parameter zu analysieren. Die Kombination MRZ wird nur bei vorausgehendem Nachweis von oligoklonalem IgG (IEF mit Immundetektion) analysiert. Der spezifische Nachweis von HIV-Antikörpern wird nur bei bekannter HIV-Infektion untersucht (Ausnahme konnatale Infektion). Der Nachweis erregerspezifischer Antikörper sollte nicht als screening Methode missbraucht werden (Serumanalytik mit entsprechenden Titerbewegungen).
Häufige Interpretationen und Standardkommentare sind in Clin Chem Lab Med 2001;39:324-332 dargestellt, krankheitstypische Bilder sind in Reiber & Peter J Neurol Sci 2001,184:101-122 dargestellt. Eine Einführung in die Liquordiagnostik ist auch als CD-ROM (2001) bei Beckman Coulter, Krefeld, zu erhalten.

Ansprechpartner / Kontakt
Neurochemisches Labor
Telefon:
0551-39-66620
Telefax:
0551-39-22668
Prof. M. Bähr
Univ.-Prof. Dr. Mathias Bähr
Direktor
Telefon:
0551-39-66603
Telefax:
0551-39-9348
E-Mail:
neurolog@med.uni-goettingen.de
Prof. Dr. Inga Zerr
Oberärztin / Leiterin der Prionforschungsgruppe
Telefon:
0551-39-66440
Pieper:
919-2132
Telefax:
0551-39-7020
E-Mail:
ingazerr@med.uni-goettingen.de
Web:
Prionforschungsgruppe Göttingen
Prof. Dr. Martin Weber
Univ.-Prof. Dr. Martin Weber
Oberarzt
Telefon:
0551-39-7706 / -66440
Pieper:
919-2545
E-Mail:
martin.weber@med.uni-goettingen.de

Leiter der Spezialambulanz für MS

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